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3_3 Der Bilderatlas
Oder: Das Projekt «Mnemosyne»

Spätestens seit 1927 richteten sich alle Unternehmungen und Bestrebungen Aby Warburgs auf das große «Mnemosyne-Projekt».[1] In diesem «Bilderatlas» wollte Warburg etwa zweitausend Bilder aus Kunst- und Kulturgeschichte auf etwa sechzig Tafeln zusammenstellen.


Warburg's picture plates (under construction).
Weitere Tafeln auf «Medien Kunst Netz».

[1] siehe hierzu: Martin Warnke (Hg.): Aby Warburg. Der Bilderatlas Mnemosyne, Berlin 2003

[2] Lydia Haustein: Magie und digitales Bilder, in: Sabine Flach u.a. (Hg.): Der Bilderatlas im Wandel der Künste und Medien, München 2005, S. 310

[3] Aby Warburg: Einleitung zur Mnemosyne, Warburg Institute, London § 2, zit. nach: Peter von Huisstede: Der Menmosyne-Atlas. Ein Laboratorium der Bildgeschichte in Robert Galitz und Brita Reimers (Hg.): Aby M. Warburg. Ekstatische Nymphe … trauernder Flußgott, Hamburg 1995, S. 138

[4] Fritz Saxl in seinem Entwurf zu einer Warburg Biographie, zit. nach Ernst H. Gombrich: Aby Warburg – Eine intellektuelle Biographe, Hamburg 1992, S. 436

[5] Fritz Saxl: Die Geschichte der Bibliothek Warburg, zit. nach Tilman von Stockhausen: Die Kulturwissenschaftliche Bibliothek Warburg, Hamburg 1992 S. 75

[6] Rolf Tiedemann und Hermann Schweppenhäuser (Hg.): Walter Benjamin, Gesammelte Schriften 1/2, Frankfurt am Main 1974, S. 472

[7] Zygmunt Bauman: Moderne und Ambivalenz. Das Ende der Eindeutigkeit, aus dem Englischen übersetzt von Martin Suhr, Hamburg 1992

[8] Magie und digitales Bilder, S. 314

[9] Michael Diers: Schlagbilder. Zur politischen Ikonographie der Gegenwart, Frankfurt am Main 1997, S. 52

[10] Maschinen/lesbar S. 133; mit der Bezeichnung der “Dummheit” des Signifikanten nimmt Pias Bezug auf einen von Jaques Lacan geprägten Begriff: Jaques Lacan: Encore. Das Seminar Buch XX., Weinheim-Berlin 1986, S. 7 ff.

[11] Magie und digitales Bilder, S. 314

[12] Bildersammlungen, S. 316

[13] Ernst H. Gombrich: Aby Warburg – Eine intellektuelle Biographie, Hamburg 1992, S. 375 f.

Anhand ikonographischer Reihen und sinnträchtiger Bildkonstellationen, die von einer knappen verdichteten Textspur begleitet wurden, hoffte Warburg in seinem Atlas das ganze Bildgedächtnis der europäischen Kultur strukturell und zugleich in seinen wichtigsten Themen und Motiven zu rekonstruieren.

«In Warburgs Versuch, seinen Mnemosyne-Atlas als ‹Laboratorium der Bildgeschichte› und «virtuelle Gedächtnismaschine» zugleich zu konzipieren, ist nicht nur ein bildbasiertes, sondern auch — was gerne übersehen wird — ein semantisch geprägtes Modell implizit.»[2]

Neben einer Ordnung nach subjektiv visuellen Kriterien stellte er die Relation zwischen den Kunstwerken durch «verschiedenfarbige Linien dar. Zudem arbeitete Warburg mit Listen von Schlüsselbegriffen, um bestimmte Themen oder Motive für Aufsätze oder Vorlesungen zu kennzeichnen.»[3] Diese Ordnung der Bilder nach Schlagworten schien Warburg erhebliche Schwierigkeiten zu bereiten. Der Vertraute Warburgs Fritz Saxl berichtet: «Oft sah man Warburg müde und bekümmert über seine Karteikästen gebeugt, einen Stoß Stichwortkarten in der Hand und bemüht, für jede den bestmöglichen Platz innerhalb des Systems zu finden.»[4]

Dabei beschleicht Warburg ein zunehmendes Unbehagen über die Ordnung seiner Bilder nach Worten. Er ist stets bemüht «zum Bild das Wort»[5] zu finden. Eine Ordnung seiner Bilder nach neuen Kriterien fällt ihm schwer, «die formale Betrachtung des Bildes […] schien [ihm] ein steriles Wortgeschäft hervorzurufen.»[6]

Ist Warburgs System nun bildbasiert oder schlagwortgebunden? Versucht man die Arbeitsweise Warburgs nachzuvollziehen, fällt auf, dass für ihn nur anfangs die Beziehung von Wort und Bild interessant war. «Die vielen begleitenden Notizen zum Atlas lassen Warburgs Unbehagen an den eigenen, immer wieder ambivalenten Entwürfen einer Wort-Bild-Beziehung erkennen, das nur noch durch sein Unbehagen an der ästhetisierenden Kunstgeschichte übertroffen wird.»[7] Bei späteren Studien gewinnt Warburg zunehmend die Überzeugung, «dass der kulturelle Prozess nicht durch Sprache, sondern durch das Bildvermögen des Menschen geprägt»[8] werde und Warburg kommt zu dem Schluss, dass sich Zeitströmungen nicht nur in Schlagworten, sondern auch in «Schlagbildern» dokumentieren.[9]

Nach dem Kommunikationstheoretiker Claus Pias ist «der Vorschlag, der sich bei Aby Warburg zumindest andeutet (obwohl er seine Bilder noch weitgehend durch die textuelle Brille sortierte) […], die Blödheit dadurch abzuschaffen, dass man die Signifikanten aus dem Archiv entlässt und die Signifikate gewissermaßen selbst arbeiten läßt.»[10]

Zur Zeit des Projekts «Mnemosyne» litt Warburg wieder unter psychischen Störungen. «Warburgs stets geäußerte Unsicherheit im Projekt der Mnemosyne zeigt sich vor allem in einer Zeit, in der er größte psychische Qualen durchlitt»[11] Warburg beginnt über sich als «Auffangaaparat» für Bilder nachzudenken,[12] seine Arbeit und seine Aufzeichnungen werden stets konfuser und seine aneinandergereiten und fragmentarischen Bilder blieben auch für sein nächstes Umfeld nach seinem Tod rätselhalt.[13]



 



 


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