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2_5 Die Visuelle Wende
Oder: Pictoral vs. Iconic Turn

In den letzten Jahren spricht man von einem «Pictoral Turn» und dem «Iconic Turn»; zwei Bezeichnungen, die einen Paradigmenwechsel in der Wissenschaft andeuten, der als eine Hinwendung zum Visuellen verstanden werden kann.

[1] Als «Ikonolgie» bezeichnet man eine aus den 20er Jahren stammende Forschungsrichtung der Kunstgeschichte, die besonders die symbolischen Formen eines zu Kunstwerks deuten sucht.

[2] William J. Mitchell: Picture Theory. Essays on Verbal and Visual Representation, Chicago 1994, S. 14

Der Begriff «Pictoral turn» wurde 1992 von William J. Mitchell geprägt. Sein Termimus ist ein an Erwin Panofskys Ikonologie[1] angelehnter Versuch, das Denken in Bildern über Bilder zu rehabilitieren. «If we ask ourselves why a pictorial turn seems to be happening now […], we encounter a paradox. On the one hand, it seems overwhelmingly obvious that the era of video and cybernetic technology, the age of technological reproduction has developed new forms of visual simulation and illusionism with unprecedented powers. On the other hand, the fear of the image, the anxiety that the «power of images» may finally destroy even their creators and manipulators is as old as image making itself.»[2]

[3] Wolfgang Boehm: Die Wiederkehr der Bilder in ders. (Hg.): Was ist ein Bild, München 1994

[4] Richard Rorty (Hg.): The linguistic Turn. Recent Essays in philosophical Method, Chicago 1967

[5] Ansgar Nünning (Hg.): Metzler Lexikon Literatur- und Kulturtheorie, Stuttgart 2001, S. 371

Im Gegensatz zu Mitchells «Pictoral Turn» steht der Begriff des «Iconic turn», den der schweizer Kunsthistoriker Gottfried Boehm erstmals in «Die Wiederkehr der Bilder»[3] formuliert. Boehms Begriff ist als eine Analogie zu dem von dem Philosphen Richard Rorty 1967 formulierten «Linguistic turn» zu verstehen.[4] Diese linguistische Wende bezeichnet eine Fokussierung der Philosophie auf die Sprache als eine wirklichkeitsstiftende Instanz. Der «Linguistic turn» ist eine Bezeichnung für «eine Reihe von sehr unterschiedlichen Entwicklungen im abendländischen Denken des 20. Jahrhunderts. Allen gemeinsam ist eine grundlegende Skepsis gegenüber der Vorstellung, Sprache sei ein transparentes Medium zur Erfassung und Kommunikation von Wirklichkeit.»[5]

[6] Die Wiederkehr der Bilder, S. 11

Boehm konstatiert in «Die Wiederkehr der Bilder» zwar eine stetige Rückkehr der Bilder in das philosophische Argumentieren seit dem 19. Jahrhundert, dennoch muss er feststellen, dass es bisher eine dem Text vergleichbare wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Bild selbst noch nicht gegeben hat, «denn Orientierung am Logos hat [die Philosophie] zu lange daran gehindert, dem Bild die gleiche Aufmerksamkeit zu widmen wie der Sprache.»[6]

[7] Die Wiederkehr der Bilder, S. 35

Boehm hält die ausgebliebene Auseinandersetzung mit dem Bild und eine nicht existente Bildwissenschaft besonders anhand einer «Bilderfeindlichkeit» der Medienindustrie für problemtaisch. Jedoch «nicht weil sie Bilder verböte oder verhinderte, im Gegenteil: weil sie eine Bilderflut in Gang setzt, deren Grundtendenz auf Suggestion zielt, auf bildlichen Realitätsersatz, zu dessen Kriterien seit jeher gehörte, die Grenzen der eigenen Bildlichkeit zu verschleiern.»[7]

[8] War es in den den Neunziger Jahren noch die «Bilderflut», so dringt heute die digitale Revolution mit ihren «globalen ikonischen Kommunikationsmitteln» in den Mittelpunkt der Betrachtungen.

[9] Die Bilderfrage, S. 326

[10] Gottfried Boehm: Jenseits der Sprache? Anmerkung zur Logik der Bilder in Hurbert Burda und Christa Maar (Hg.): Iconic Turn — Die Neue Macht der Bilder, Köln 2000, S. 28

Der «Iconic turn» ist ein Hinweis auf fehlende Methoden zur Untersuchung des Bildes in einer stetig wachsenden Menge an Bildern.[8] Auch die Kunstgeschichte, die nach Boehm am ehesten als eine das Bild untersuchende Wissenschaft in Frage käme, «besinnt sich nur selten auf die systematische Seite ihrer Aufgabe». Boehm wert sich auch gegen das literarische, textnahe Verständnis des künstlerischen Bildes und damit die Ikonologie der Kunstgeschichte, da diese hauptsächlich auf «sprachliche Referenzen» aufbaut und «kaum auf seine visuelle Präsenz.»[9] In späteren Publikationen konkretisiert Boehm diese «visuelle Präsenz» mit einer «Logik der Bilder» und meint damit eine «konsistente Erzeugung von Sinn aus genuin bildnerischen Mitteln.»[10] Diese Logik wird nach Boehm nicht verbal sondern wahrnehmend realisiert.

[11] Jenseits der Sprache?, S. 30

[12] Jenseits der Sprache?, S. 45

Gottfried Boehm zählt die Untersuchung der Funktionsweise der Bilder zu den großen intellektuellen Herausforderungen unserer Zeit. Sie ist nach Boehm nur zu lösen, wenn man «das Bild nicht länger der Sprache unterwirft.»[11] Denn «jenseits der Sprache existieren gewaltige Räume von Sinn, ungeahnte Räume der Visualität», die nach Boehm keine Nachbesserungen oder nachträgliche Rechtfertigung durch das Wort benötigen.[12]

[13] Willibald Sauerländer: Iconic Turn? Eine Bitte um Ikonoklasmus in: Iconic Turn — Die Neue Macht der Bilder, S. 428

[14] Iconic Turn? Eine Bitte um Ikonoklasmus, S. 425

Für ein umfassenden Verständnis ist auch der, das Phänomen «Iconic turn» erweiternde, Begriff des Kunsthistorikers Willibald Sauerländer interessant: er bezieht den Begriff des «Iconic turn» auf die Tatsache, dass wir seit Jahrzehnten eine Verlagerung von der sprachlichen auf die visuelle Information und damit vom Wort auf das Bild erleben[13] und so fordert Sauerländer neben der euphorischen Diskussion um die Methodiken der «Bildwissenschaft» auch eine kritische Bild- und Mediengeschichte, die in Erinnerung ruft, dass Bilder nicht weniger als Worte ein Problem […] der guten Verständigung unter den Bürgern […] sind.[14]

In dem für diese Untersuchung besonders relevanten Bereich der computergestützten visuellen Bildersuche, wird unter «Iconic turn» eine Hinwendung zum Visuellen durch die Möglichkeiten des Computers verstanden. Mit Hilfe der «Turing-Maschine» können nicht nur Text sondern jegliche Daten prozessiert werden können. Beispielsweise geht der Kunsthistoriker Wolfgang Ernst unter diesen Rahmenbedingungen von einem sich vollziehenden Wandel der Ordnung der Bilder aus — von einer rein zeitlichen und textlichen Organisation der Kunstgeschichte zu einer bildlichen.

 



 


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