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2_2 Dies ist keine Pfeife
Oder: «Was Sie da sehen, ist dies.»[1]

In seinem Essay «Dies ist keine Pfeife» untersucht Michel Foucault die gleichnamige Zeichnung des belgischen Malers René Magritte aus dem Jahre 1926. Diese Zeichnung zeigt in schlichtem Tuschestrich zwei Pfeifen.

[1] Michel Foucault: Die ist keine Pfeife, in ders.: Dits et Ecrits (Schriften), Frankfurt am Main 2001, S. 822

Eine von ihnen befindet sich als Gemälde in einem Rahmen, der auf einer Staffelei steht. Unter dieser Pfeife ist der Satz «Ceci n'est pas une pipe» geschrieben — «Dies ist keine Pfeife.» Die zweite Pfeife sieht genauso aus, nur ist sie viel größer und scheint ohne Bezug über der Staffelei gezeichnet.


One of the Google results for 'Magritte' And one of the Ask.Com result for 'Magritte'

Das besprochene Bild — gefunden von den Suchmaschinen «Google», «Ask.Com» (und «MSN»).

[2] Dies ist keine Pfeife, S. 813

Bereits bei der Beschreibung des Bildes stellt Foucault verblüfft fest, dass er sich nicht sicher ist, ob er tatsächlich zwei Pfeifen oder die Darstellungen zweier Pfeifen sieht. Oder etwa eine Pfeife und ein Bild einer Pfeife? Während er die auf einer Staffelei ruhende Pfeife noch als abgebildete Abbildung identifizieren kann, scheitert er bei der größer gezeichneten Pfeife durch die fehlende Verortung im gezeichneten Raum, beginnt von ihr als Pfeife und nicht als Abbildung einer Pfeife zu sprechen und überrascht sich dabei, «Sein und Darstellen zu verwechseln, als wäre beides gleichbedeutend, als wäre ein Bild was es darstellt.»[2]

[3] zur Gewichtung von Sprache und Bild siehe auch: Gilles Deleuze: Die Schichten oder historischen Formationen: Das Sichtbare und das Sagbare (Wissen) in ders.: Foucault, Frankfurt am Main 1987, S. 72

[4] Dies ist keine Pfeife, S. 815

Durch die gezeichnete Bildunterschrift und die damit entstandene Wechselbeziehung von Sprache und der visuellen Abbildung[3] erkennt Foucault das Bild von Magritte als Kalligramm — als ein Figurengedicht, das nicht nur über den Text sondern auch optisch eine Bedeutungsebene aufbaut. «Es versetzt die Aussagen in den Raum der Figur und sorgt dafür, dass der Text sagt, was die Zeichnung darstellt. Einerseits alphabetisiert es das Ideogramm, füllt es mit diskontinuierlichen Buchstaben und bringt so die stummen, ununterbrochenen Linien zum Sprechen. Aber andererseits verteilt es die Schrift in einem Raum, der nicht mehr die Gleichgültigkeit, Offenheit und tote Leere des Papiers besitzt.»[4]

[5] Auch mit den gängigen Suchmaschinen ist über Text eine Negation möglich — es lassen sich so Bilder von Magritte anzeigen, die keine Pfeife «enthalten» sollten.

[6] Dies ist keine Pfeife, S. 820

Der Text «Dies ist keine Pfeife» lässt die Pfeife durch seine Negation verschwinden[5] und reduziert das gezeichnete auf eine reine Abbildung. «Die nun allein gelassene Zeichnung der Pfeife versucht ganz vergeblich, jener Form möglichst ähnlich zu sein, die das Wort Pfeife gewöhnlich bezeichnet; und der Text zieht sich vergeblich mit der ganzen aufmerksamen Treue unter der Zeichnung dahin.»[6]

[7] Dies ist keine Pfeife, S. 821

Denn die Pfeife, die ihre Abbildung auf dem gezeichneten Gemälde hinterlässt ist nach Foucault «davongeflogen. Sie schwebt nun gänzlich ohne Bezug darüber und lässt zwischen Text und Bild, denen sie eigentlich als Konvergenzpunkt am Horizont dienen sollte, nur einen kleinen leeren Raum zurück.»[7]

[8] Dies ist keine Pfeife, S. 827

Foucault folgert: «Da der Text und die obere Pfeife miteinander durch die Tatsache verbunden sind, dass sie beide von anderswoher kommen und der eine ein Diskurs ist, der die Wahrheit zu sagen vermag, die andere dagegen gleichsam die Erscheinung eines Dings an sich, schließen sie sich zusammen und behaupten, dass die Pfeife auf dem dem dargestellten Gemälde keine Pfeife ist.»[8]

 



 


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