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2_4 Ordnungen der Kunstgeschichte
Oder: «Die Strukturen der Sprache prägen der Ordnung der Dinge ihre Form auf.»[1]

«Aber die Beziehung der Sprache zur Malerei ist eine unendliche Beziehung; das heißt nicht, dass das Wort unvollkommen ist und angesichts des Sichtbaren sich in einem Defizit befindet, das es vergeblich auszuwetzen versuchte.

[1] Michel Foucault: Worte und Bilder, in ders.: Dits et Ecrits (Schriften), Frankfurt am Main 2001, S. 764

Sprache und Malerei verhalten sich zueinander irreduzibel: vergeblich spricht man das aus, was man sieht: das was man sieht, liegt nie an dem, was man sagt; und vergeblich zeigt man durch Bilder […], was man zu sagen im Begriff ist.»[2]

[2] Michel Foucault: Die Ordnung der Dinge, Frankfurt am Main 1971, S. 38

[3] Simone Mahrenholz: Analogisches Denken. Aspekte nicht-diskursiver Rationalität, in: Dieter Mersch (Hg.): Die Medien der Künste. Beiträge zur Theorie des Darstellens, München 2003, S. 75 ff.

Die Kunstgeschichte als wissenschaftliche Disziplin zeichnet sich durch die Auseinandersetzung mit der aktuellen Diskussion zum Verhältnis von Bild und Text und einer Unterscheidung zwischen bildlichen im Gegensatz zu sprachlichen Formen der Repräsentation aus. In den Geistes- und Naturwissenschaften herrscht auch die Ansicht vor, Bilder und Texte seien zwei grundverschiedene Arten von Symbolen. Text und Schrift werden auf Sprache mit der symbolischen Funktion des «Sagens» bezogen, während das Bild rein ikonisch und seine Funktion das Zeigen ist.[3]

[4] Steffen Bogen: Kunstgeschichte/ Kunstwissenschaft, in: Klaus Sachs-Hombach: Bildwissenschaft, Frankfurt am Main 2005, S. 55

Dieser Gegensatz der Repräsentationsformen «Picture» und «Text» manifestiert sich auch in der Organisation der Kunstgeschichte selbst. Mit der Ausdifferenzierung «exakter» graphischer Verfahren im Technisierungs- und Wissenschaftsschub der Moderne war die Qualität eines Kunstwerks zunehmend an den schöpferischen Ausdruck einer Künstlerpersönlichkeit gebunden worden.[4]

[5] Wolfgang Ernst: Jenseits der Verschlagwortung? Plädoyer für ein nicht-textbasiertes Bildgedächtnis, Münster 2000, S. 1 (PDF)

Die so entstandenen Diskurse haben nach Wolfgang Ernst im kulturellen Unterbewusstsein des Abendlandes zu einer Kulturtechnik geführt, die eigentlich rein ikonische Bilder einer Ordnung nach dem Text unterwirft, einer Kulturtechnik «die das Gedächtnis der Bilder ständig der Vertextung und Verschlagwortung unterwirft.»[5] Also einer dem Bild unterschiedlichen Form.

[6] William J. Mitchell: Picture Theory. Essays on Verbal and Visual Representation, Chicago 1994, S. 14

[7] William J. Mitchell: Iconology — Image, Text, Ideology, Chicago 1986

[8] Die «alte» Bilderfrage wurde im Zweites Konzil von Nicäa im Jahr 787 «beantwortet» und mündete in einem Verbot christliche Ikonen anzubeten.

Für den in Chicago lehrenden Anglisten William J. Mitchell sind Bild und Sprache dagegen nicht zwei gänzlich unterschiedliche Repräsentationen, die zwei unterschiedliche Sinne ansprechen oder die eine Text-Ordnung der Kunstgeschichte forciert haben: in seinem Buch «Picture Theory» führt er stattdessen das Gegensatzpaar «Imagetext» ein und betont damit die Wechselwirkung der beiden Repräsentationsformen.[6] Damit steht Mitchell in der Tradition seines Buches «Iconology»[7], das die These vertritt, die Antwort auf die moderne Bilderfrage[8] könne nur in einer Ausweitung von Text-Untersuchungen gefunden werden. Bereits in «Iconology» deutet Mitchell an, dass der Unterschied zwischen Bild und Text nur ganz wenig ein formaler als vielmehr ein gemachter ist.

[9] Picture Theory, S. 418

Eine unterschiedliche Gewichtung dieses Paares wirkt sich nach Mitchell nicht nur auf unser Verhältnis zur Welt aus, die wir durch unterschiedliche Rezeptions-Haltungen als Leser oder Zuschauer unterschiedlich wahrnehmen; sie beeinflusst nach Mitchel damit auch unsere Sozialisierung und Individualitätsbildung. Hauptsächlich ist «Imagetext» für Mitchell ein Gegensatzpaar, das je nach Interesse einer bestehenden Kultur für ihren eigenen Fortbestand und zur Abgrenzung zu anderen Kulturen anders gewertet wird und so sind «Imagetexts» in unterschiedlichen Gesellschaften zu unterschiedlichen Zeiten mit unterschiedlichen Wertigkeiten belegt.[9]

 



 


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