Diese «Durchsicht» konkretisierte der Computer- und Medientheoretiker Jay David Bolter zusammen mit der Kuratorin der «SIGGRAPH 2000 Art Gallery» Diane Gromala in dem 2003 erschienen Buch «Windows and Mirrors. Interaction Design and the Myth of Transparency», indem sie Verbindungen zwischen aktueller elektronischer Kunst und Entwicklungen in der Interface-Gestaltung ziehen: «If there is one reason that digital art is important for digital design, it is this: digital art reminds us that every interface is a mirror as well as a window.»[1]
In «Windows and Mirrors» zeichnet sich Gromala besonders durch eine repräsentative Auswahl der Kunstwerke der «SIGGRAPH Art Gallery» aus, von denen die Argumente der Autoren stets ausgehen, während Bolter in der Tradition seiner in dem Buch «Remediation» beschriebenen Theorien über die Abbildungen der westlichen Kultur steht. Die Gegensätze Spiegel und Fenster lesen sich so als Konkretisierungen der Theorien von Hypermediacy und Immediacy auf die digitalen Medien und verdichten sich in der Betrachtung der Interfaces unserer digitalen Kultur, deren rechnendes Leitmedium dabei selbst keineswegs transparent geblieben ist.[2]
Die Autoren brechen mit der populären Ansicht der Interface-Theorie, das Interface müsse transparent sein, möglichst unaufdringlich in den Hintergrund treten und so einen nicht sichtbaren Zugang zur puren Information liefern und stehen damit im Gegensatz zu anderen Interface-Theoretikern wie Jakob Nielsen[3] und Donald Norman[4]: «The mistake Nielsen and Norman make, is to assume that the single goal of all design is to make the interface transparent, when in fact the goal is to establish an appropriate rhythm between being transparent and being reflective. This is a common error in Interface design and Human-Computer-Interaction today.»[5]
Ihr formuliertes Ziel für einen neuen Umgang mit Interfaces ist demnach vielmehr einen oszillierenden Wechsel zwischen Transparenz und Reflektivität der Schnittstelle zu schaffen, bei der dem Benutzer einerseits Freiheit eingeräumt wird, und er so produktiv mit einem Interface umgehen kann, andererseits aber auch die Wirkungsweise des Systems im Hintergrund aufgezeigt werden.
Bei einem System mit zu hoher Reflektivität und damit unterentwickelter Transparenz, wird die Benutzung zu restriktiv: «The choreography is too heavy handed, the experience may alienate the user.»[6] Im umgekehrten Fall jedoch, bietet ein transparentes System keine Rückmeldung, was es im Hintergrund tut: «When the design is ill defined, however, we cannot figure out what genre we are in. A new application can fail precisely because the user does not know what it is for.»[7]
Erst in diesem Wechselspiel von Fluss und Bewusstmachung also, ist eine Interface-Gestaltung erfolgreich und es kann eine bewusste Benutzung des Interfaces stattfinden.
«Even if it could be achieved, perfect transparency would be a dangerous mistake.»[8]
Dabei geht eine gute Interfacegestaltung darüber hinaus, dem Benutzer lediglich den Zweck einer Anwendung zu erklären und aufzuzeigen. Bei einer noch nicht im generellen Bewusstsein präsenten Technologie wie der visuellen Bildersuche beispielsweise scheint es besonders wichtig, bereits zu einem Zeitpunkt, zu dem sich Konventionen der Benutzung noch nicht so sehr etabliert haben, in der Schnittstelle selbst über die Funktion- und Wirkungsweise der Software im Hintergrund zu reflektieren. Nicht nur entscheidet eine solche frühe Bewusstmachung der Funktionsweise ganz pragmatisch über Erfolg oder Misserfolg einer Anwendung,[9] auch entscheidet die Gestaltung des Interfaces über das Verstehen der im Hintergrund ablaufenden Prozesse und damit eine Emanzipation des Benutzers.
Die von Gromala und Bolter geprägte Interfaceauffassung von «Transparenz» und «Reflexivität» im Wechselspiel sorgt so für ein Aufzeigen dieses Kontextes. «The most compelling interface will make the users aware of her contexts in which she and the interface together operate.»[10]