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5_4 Schlussfolgerung
Oder: «Missing link»

1935 schreibt Walter Benjamin: «[Der manuellen Nachbildung] gegenüber ist die technische Reproduktion des Kunstwerks etwas Neues, das sich in der Geschichte intermittierend, in weit auseinander liegenden Schüben, aber mit wachsender Intensität durchsetzt.»[1] Die technische Reproduzierbarkeit nahm den Bildern im letzten Jahrhundert ihre Aura und sorgte für einen demokratischen Zugang zu ihnen.

[1] Walter Benjamin: Das Kunstwerk im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit, Frankfurt am Main 1977, S. 10

«CBIR» wurde als Technologie vorgestellt, deren große gesellschaftliche Auswirkung bisher unterschätzt wird. Der Computer dient nicht mehr nur Werkzeug zur Reproduktion der Bilder. Es sind vielmehr die Algorithmen und ein gesellschaftliches Verständnis derselben, die über eine Gleichstellung von Bildermachern und Bildbetrachtern oder Bilder-Eignern und Bilder-Suchenden entscheiden.

Besonders in der Auseinandersetzung des «CBIR» ist eine transparente Gestaltung des Interfaces relevant, da es nicht die technischen Geräte, sondern vielmehr die algorithmische Interpretation ist, die beispielsweise ein Erkennen eines Bildes ermöglicht:

«Although the algorithms and mechanisms are empirically more accessible, it is the top level of computational theory, which is critically important from an information-processing point of view. The reason for this is that the nature of computations that underline perception depends more upon computational problems that have to be solved than upon the particular hardware in which their solutions are implemented.»[2]

[2] David Marr: Vision — A Computattional Investigation into the Human Representation and Processing of Visual Information, New York 1982, S. 27

Sowohl bei «QBIC» von IBM als auch bei «Retrievr» von «System One» überwiegt die Transparenz gegenüber der Reflektivität des Interfaces — in beiden Fällen neigt der Benutzer das Interface zu vergessen und sich der Benutzung des Interfaces hinzugeben. Dies fällt besonders aufgrund der kaum gewichteten Reflektivität leicht; die Interfaces geben kaum einen Hinweis auf die tatsächliche Art und Weise, wie die Technik hinter den abgebildeten Leinwänden funktioniert. Dadurch erscheinen die Suchergebnisse mitunter arbiträr.

Dies gilt ebenso für die PHP-Version von «Viper». Auch hier ist die errechnete Ähnlichkeit der Bilder — besonders durch die Applikation der Algorithmen auf das ganze Bild — manchmal nur schwer nachzuvollziehen. Im Falle der PHP-Version von Viper läuft der Benutzer allerdings nicht Gefahr, ein zu transparentes Interface zu vergessen. Die sich auf seine Anfragen ladenden Seiten erinnern ihn stets daran, mit einem Programm (im Hintergrund bzw. auf einem Server) in Interaktion zu stehen. Augenscheinlich ist jedoch, dass die starke Betonung dieses Sachverhalts dem ursprünglichen Ziel — der Suche ähnlicher Bilder — doch sehr im Wege steht.

Wie der erste Teil dieses Kapitels gezeigt hat, werden bei der Indizierung von Bildern verschiedene Koeffizienten (beispielsweise einer Wavelet-Analyse) gespeichert, die einer Verkleinerung des Bildes gleichkommen. In keinem der Interfaces findet sich ein Verweis auf diesen Sachverhalt. Im Kontext des World Wide Web war es zudem schwierig eine erste Schnittstelle ausfindig zu machen, aus deren Reflektivität sich diese (zu) transparenten Interfaces als «Antwort» ergeben haben könnten. «IMG SRC ORG» versteht sich als ein zwar nachgereichter, aber notwendiger Schritt in der Entwicklung zum Überbetonen einer falschen Transparenz in den Schnittstellen zur visuellen Bildersuche.

[3] Neil Stephenson: Die Diktatur des Schönen Scheins, München 2002, S. 29

«Mit Technologien verhält es sich in der Regel so, dass man den besten Einblick in ihre Funktionsweise erhält, wenn man sieht, wie sie versagen.»[3]

 


 



 


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