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5_3_6 IBM QBIC (1998)
Oder: «Big Blue» und das «Binary Large Object»

a) Einleitung

«QBIC» bedeutet «Query By Image Content» und ist IBMs patentierte Auseinandersetzung mit einer bildbasierten Suche im World Wide Web und reicht zurück in dessen frühe Jahre.[1]

[1] Die Wayback-Machine des «Internet Archive» listet die Seite ab Dezember 1996, IBM-intern geht die Arbeit an QBIC wohl auf das Jahr 1995 zurück.

[2] Robert Finn: Querying by Image Content, 1998

[3] Myron Flickner, Harpreet Sawhney u.a.: Query by Image and Video Content: The QBIC System, 1995

[4] Homepage des «Almaden Research Center»

[5] Copyrights von IBM

[6] Bonnie Holt und Ken Weiss: The QBIC Project in the Department of Art and Art History at UC Davis, 1998

IBM versteht unter der bildbasierten Suche eine visuelle Suche und Indizierung von Bildern, die besonders dann zum Tragen kommt, wenn Stichworte allein nicht mehr das «gewisse Etwas» auffinden können, wenn also eine außergewöhnliche Suchanfrage erforderlich ist.[2] Das System «QBIC» mit Interface und Datenbankstrukturen entstand unter der Leitung von Dr. Dragutin Petkovic dem Leiter des Projekts «Visual Media Management» im «Almaden Research Center».[3] Dieses Zentrum liegt bei San Jose in Californien und ist für seine Grundlagenforschung im Bereich digitaler Technologie bekannt.[4]

«QBIC» ist ein eingetragenes Warenzeichen von IBM[5] und mündete mindestens in drei weitere Projekte: Mit «Western Imaging of Brazil» realisierte «Big Blue» ein System zur Archivierung und Indizierung von alten Stoff-Mustern für einen Textilhersteller. Die Software-Lösung ermöglicht es dieser Firma, aus ihrem Repertoire an Formen und Mustern zu schöpfen und diese in der zyklischen Modewelt als «Zitate» wiederzuverwenden. Das mühevolle und damit teure Erstellen neuer Vorlagen im «Retro-Look» entfällt so gänzlich. Mit 200.000 Bildern war die Dia-Bibliothek für Kunst und Kunstgeschichte der Universität von Davis, Kalifornien,[6] eine der wohl eindrucksvollsten Beispiele für «QBIC». Leider ist diese Anwendung nicht mehr auf dem Server verfügbar.

[7] QBIC-Bildersuche des Eremitage-Museums in St. Petersburg

Das bekannteste mit «QBIC» realisierte Projekt ist wohl die Suche nach Gemälden auf der Homepage des Eremitage-Museums in St. Petersburg. Dies ist momentan das einzig öffentliche und noch funktionsfähige Beispiel der «QBIC-Bildersuche». Mit einem photoshopähnlichen Interface lassen sich dort Bilder in den Sammlungen der Eremitage suchen. Dies geschieht sehr intuitiv über eine Kompositionssuche oder über eine die Farbanteile eines Gemäldes gewichtende Suche.[7] Die Resultate lassen sich auch per Klick auf «with similar visual layout» in der Detail-Ansicht des Bildes in den Suchprozess zurückführen; dem Besucher werden dann ähnliche Bilder angezeigt.


b) Beschreibung des Interfaces und Beobachtungen

Das Interface der «QBIC Layout Search» ist in einem JAVA-Applet realisiert. Es ist zweigeteilt aufgebaut: auf der linken Seite findet sich ein aus der digitalen Bildbearbeitung bekannter Farbwähler mit einer großen Spektralfläche, aus der der Benutzer eine Farbe auswählen kann. Darunter kann die gewählte Farbe mit einem horizontalen Regler für Helligkeit oder mit drei Reglern für den Rot-, Grün-, oder Blau-Anteil der gewählten Farbe modifiziert werden. Auf der rechten Seite des Interfaces befindet sich eine horizontal ausgerichtete, weiß-grau gemusterte Leinwand. Unter der Leinwand sind die Knöpfe «Delete» und «Clear All» sowie der dick umrandete Knopf «Search» angebracht.


IBM QBIC Interface
«QBIC Layout Search» von IBM auf der Seite der «Eremitage St. Petersburg»

Zwischen dem Farbwähler und der Leinwand finden sich fünf Quadrate; das erste enthält (doppelt umrandet) die aktuell ausgewählte Farbe, bei den zwei folgenden handelt es sich um Tools zum Malen von viereckigen oder runden Formen auf der Leinwand, die zwei untersten ermöglichen ein Verschieben des auf der Leinwand ausgewählten Elements nach vorne oder nach hinten. Unter dem Interface findet sich eine kurze Hilfe in vier Schritten.

Wählt man nun eine Farbe aus und klickt auf das Viereck- oder Kreis-Tool kann man ein solches auf der Leinwand platzieren. Ein Rahmen mit neun kleinen schwarzen Quadraten um die jeweils aktivierte Form ermöglicht ein aus diversen Vektor-Programmen bekanntes Verschieben und Stauchen der Elemente. Diese Vorgänge lassen sich beliebig oft wiederholen. Ist man fertig, klickt man auf «Search»; der Browser lädt dann eine neue Seite, auf der der eigenen Zeichnung ähnelnde Bilder angezeigt werden. Auf dieser Seite gibt es oben rechts neben den Resultaten einen Knopf zum Modifizieren der Suche; mit einem anderen kann man die Suche von vorn beginnen.


c) Folgerungen und Kritik

[8] «Guidebook Gallery» zeigt alle Versionen von «Adobe Photoshop»

Die Designer des IBM-Interfaces bedienen sich der allgemeinen visuellen Sprache anderer Programme zur digitalen Bildbearbeitung.sup class="number">[8] Die in Leserichtung angeordneten und so eine Reihenfolge zur Benutzung vorschlagende Elemente Farbwähler und Leinwand sind dem mit Programmen zur Bildbearbeitung vertrauten Benutzer ebenso bekannt, wie die Knöpfe zum Wählen der Form und zum Verschieben der gezeichneten Elemente. Diese «Photoshop-Zitate» machen das Interface schnell erlernbar.

[9] Query by Image and Video Content: The QBIC System, S. 26 (PDF S. 4)

Besonders die Photoshop- oder Leinwand-Metapher macht das Interface unproduktiv. Wie die im Kapitel «Spiegel und Fenster» dargelegten Überlegungen zu Transparenz und Reflektivität von David Jay Bolter zeigen, gibt ein gutes Interface Aufschluss über die Wirkungsweise der Software, die es beschreibt. Im Falle des Interfaces von «QBIC» scheint eine stringente Darstellung des maschinellen «Dahinters» durch das Interface besonders missglückt. Es scheint fraglich, ob die Differenz zwischen der durch das feine Schachbrett bis aufs Genauste bemalbar scheinenden Leinwand und der (Software-) Realität, die nur ein grobes Gitter von 20 Koeffizienten oder Farbfeldern berücksichtigt, nicht zu groß ist.[8] Der Benutzer des Interfaces wird hier zu lange in dem Glauben gelassen, er könne eine feine Skizze zeichnen, deren Form von der Software per «shape matching» erkannt würde.

 


 



 


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