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4_2 Die Sehmaschine
Oder: Der Mythos des sehenden Computers

«The human-machine interface is evolving at an incredible pace, surpassing the traditional text-based boundaries. A driving force motivating this development is the need to endow computer with capabilities that parallel our perceptual abilities.»

— Benjamin B. Kimia[1]

 

[1] Benjamin B. Kimia: Shape Representation in Image Retrieval, in: Vittorio Castelli u.a. (Hg.) Image Databases — Search and Retrieval of Digital Imagery, S. 345

Paul Virillio fragt 1989 in seinem Essay «Die Sehmaschine»: «Ist nun die Zeit des synthetischen Sehens gekommen, die Zeit der Automatisierung der Wahrnehmung?»[2] Virillio meint damit vor allem die damals aufkommende Video-Überwachung des öffentlichen Raumes und das möglicherweise damit einhergehende automatische «Erkennen» und Evaluieren von Vorgängen vor den Überwachungskameras.

[2] Paul Virillio: Die Sehmaschine, Berlin 1989, S. 135 f.

[3] Die Sehmaschine, S. 141

Dieses maschinelle Wahrnehmen betrifft nach Virilio den Status des Menschen. Er fragt nach den theoretischen und praktischen Konsequenzen auf unser Selbstbild und unsere Anschauung der Welt, wenn das «Erkennen» nicht mehr nur dem Menschen vorbehalten ist.[3] Die philosophische Tragweite dieser Fragestellung macht es Virillio «unmöglich, die Konfiguration und die Interpretationsweise dieses Sehens ohne Blick einzuschätzen.»[4]

[4] Die Sehmaschine, S. 142

[5] Die Sehmaschine, S. 159

Nach Virillio gibt es neben der industriellen Entwicklung automatisierter Waffen, auch eine Nachfrage und Strategie nach automatisierten Bildern, womit er besonders elektronische Bilder wie das Fernsehbild meint. Erst die Entwicklung von technischen Bildern, ermöglicht eine automatisierte Überwachung. Dieses letzte Stadium in dieser Entwicklung wird schließlich «durch die Sehmaschine (das Perzeptron) gesichert, die synthetische Bilder und Formen automatisch wiedererkennt, und zwar nicht nur Umrisse und Silhouetten.»[5]

[6] Beim Bewegtbild von Film und Video ist das «Erkennen» einer Bewegung durch die die Abfolge vieler vergleichbarer Einzelbilder für den Computer paradoxerweise leichter.

Ist das künstliche Sehen auch bereits heute in angewandten Bereichen Wirklichkeit geworden, beispielsweise bei der automatischen Erkennung von Gesichtern, dem maschinellen Überwachen öffentlicher Plätze oder der industriellen Fertigung, ist es mit einer Veränderung in der Tragweite wie Virillio sie beschreibt kaum vergleichbar. Der Computer ist weit von der menschlichen Wahrnehmung entfernt und er hat nach wie vor Probleme, die einfachsten Objekte zu «erkennen». Besonders bei Bildern im World Wide Web fällt es dem Rechner schwer.[6]

[7] Tom Holert: Vorbeihuschende Bilder in: Wolfgang Ernst, Stefan Heidenreich und Ute Holl (Hg.): Suchbilder — Visuelle Kultur zwischen Algorithmen und Archiven, Berlin 2003, S. 136

In Anbetracht eines Zutrauens, das dem Computer nahezu eine menschliche Perzeption zuspricht, und wie es ihm dabei nicht nur von Virillio sondern in einer Vielzahl früher Theorien über «Computer Vision» ausgeführt wird, scheint eine nüchterne Sichtweise auf die Grundfunktionen des vermeintlich Bedeutung erkennende Computers angebracht. Nach dem Kulturtheoretiker Tom Holert verknüpft man den «Pictoral Turn» zu leicht «mit dem Imperativ eines medientheoretischen Denkens, das den Computer als Transzendentalsubjekt einsetzt und ihm gar «Sichtweisen» zuschreibt, obwohl doch Computer nicht ‹sehen› (aber um so mehr das Sehen von Menschen verändern) können.»[7]


 



 


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