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4_6 Berrechnete Kunstgeschichte
Oder: Jenseits der Verschlagwortung?

«Kunstgeschichte ist Textverarbeitung mit Bildanhang.»

— Stefan Heidenreich[1]

 

[1] Stefan Heidenreich an der KHM, Köln 1996 (PDF)

[2] Wolfgang Ernst: Jenseits der Verschlagwortung? Plädoyer für ein nicht-textbasiertes Bildgedächtnis, Münster 2000, S. 1 (PDF)

In seinem Vortrag «Jenseits der Verschlagwortung? Plädoyer für ein nicht-textbasiertes Bildgedächtnis» anlässlich der Ausstellung «fading in, fading out, fading away» des Künstlers Olaf Nicolai im Westfälischen Kunstverein im Dezember 2000 konstatiert Wolfgang Ernst eine Vormachtstellung des Wortes als aktuelles Ordnungsprinzip der Kunstgeschichte, was zu einer «Verschlagwortung von Bildinhalten, Autoren- und Werkvertitelung» geführt hat.[2]

[3] Hartmut Winkler, zitiert nach Wolfgang Ernst: Jenseits der Verschlagwortung? S. 1

[4] Claus Pias: Maschinen/lesbar — Darstellung und Deutung mit Computern, in: Matthias Bruhn (Hg.): Darstellung und Deutung — Abbilder der Kunstgeschichte, Weimar 2000, S. 129

Erst auf der Schwelle zum digitalen Bild zeichnet sich nach Ernst ein wirklicher «Iconic turn» ab — ein Wechsel von der wortbasierten zu einer bildbasierten Ordnung der Bilder. Dabei sieht Ernst die «Dummheit des Rechners als Chance multipler Bildsortierung», denn erst der Computer ist in der Lage, sowohl Worte als auch Zahlen zu verarbeiten und zu sortieren. Der Computer ist das erste Medium, das «in der Organisation seiner Signifikanten an den dreidimensionalen Raum nicht mehr gebunden ist,[3] da das Bild zu einem «durchgängig adressierbaren Text», einer Ansammlung von diskreten Zeichen auf der Festplatte geworden ist.[4]

[5] Maschinen/lesbar, S. 2

Bei einer algorithmischen Sortierung von Bildern ist zu erwarten, dass uns die durch den Computer vorgelegten Ergebnisse zunächst unzusammenhängend und befremdlich erscheinen werden, da wir es gewohnt sind, Bilder auf der Ebene der Bedeutung zu «lesen». Die elektronischen Sammlungen folgen jedoch nicht mehr der linearen Logik eines Buches, sondern dem medienarcheologischen Blick, der die Wahrnehmung des «Scanners» selbst zum Agenten eines Bild-Wissens macht, das menschlichen bedeutungsfixierten Augen entgeht.[5]

[6] Jenseits der Verschlagwortung?, S. 5

[7] Maschinen/lesbar, S. 2

Als Chance einer computerisierten Bildersammlung sieht Ernst demnach, dass der menschliche Blick auf «Kriterien der Bildähnlichkeit» gerichtet wird und sich eine «differente Ästhetik der Bilder» ergeben könnte.[6] Ernst schließt seinen Vortrag mit den Worten «ante portas steht eine Kulturtechnik der Bildnavigation jenseits des Verschlagwortung» und der Aufforderung, die «Herrschaft der Worte über die Bilderordnung mit letzten Worten zu Ende zu denken.»[7]


 



 


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