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Oder: Tagging — Die große Verschlagwortung

Seit etwa gut einem Jahr ist das Schlagwort «Web 2.0» in aller Munde.[1] Ursprünglich trug eine von Tim O’Reilly und Dale Dougherty abgehaltene Konferenz in San Francisco im Oktober 2004 diesen Namen.[2] Das formulierte Ziel dieser Konferenz war es, das Web als Plattform für Innovation in den Bereichen [moderner Kommunikationstechnologie, wie Mobiltelefonie, Fernsehen und Web-Suche] zu untersuchen und zu etablieren.[3]

[1] Die Definitionen zu «Web 2.0» sind zahlreich, die wohl umfangreichste Liste in Deutscher Sprache stammt von Dr. Web. Einen guten Einstieg zum Thema bietet z.B. die Radiosendung «Web 2.0 — Verheißungen und Realität des neuen Webs», «Chaosradio» vom 26. April 2006

[2] Homepage der «web2con»

[3] Tim O'Reilly: What is Web 2.0, 2005 (übersetzt)

[4] de:bug Nr. 98, Dezember 2005, S. 41

[5] Harald Taglinger: Die «Web 2.0» Maschine, Telepolis, Mai 2006

[6] Dokumentation des  «EXIF-Standards», der Information zur Aufhamen als Metadaten speichert

Inzwischen wird unter «Web 2.0» besonders die neue Technologie «AJAX» verstanden. Diese technische Sicht des «Web 2.0» greift allerdings zu kurz. «Es gibt zwar Core-Technologien und gemeinsame Nenner, aber letztendlich ist ‹Web 2.0› so etwas wie eine große Koalition, erkennbar vor allem daran, dass jeder plötzlich mit jedem kann.»[4] Die Idee der Kooperation ist nicht etwa auf die von Firmen beschränkt — besonders das Phänomen des «Social Networking» zeichnet das «neue» Web aus.[5]

Im Rahmen des «Web 2.0» verändert sich der Umgang mit dem «Fremdkörper» Bild im World Wide Web. Es scheint, als hätten Suchmaschinen wie «Google» und «Yahoo!» das steigende Interesse der User an Bildern und die Problematik der automatischen Indizierung von Bildern erkannt. Automatisch «erkennt» der Computer schließlich nur die an ein Bild «angehängten» Textinformationen; er kann nur Dateinamen, bei der Aufnahme automatisch generierte Meta-Daten (wie Aufnahmegerät, Zeitpunkt der Aufnahme etc.[6]) oder die Texte, die sich in der Umgebung des Bildes auf einer Website befinden, mit der Suchabfrage vergleichen. Die für eine Optimierung des Suchergebnisses wichtige Bewertung nach der Relevanz einer Seite oder eines Bildes erhält er bei den meisten Suchmaschinen, wie von «Google» vorgemacht, durch die Anzahl der auf die Seite verweisenden Links anderer Seiten.

[7] Homepage von «Picasa»

[8] Homepage von «Flickr»

[9] Flickr Press Release vom März 2005

«Google» setzt bei seinen Bestrebungen um das Bild auf «Picasa»[7], ein Programm, mit dem der Anwender lokal auf seinem Rechner Bilder sortieren, archivieren und über Blogs veröffentlichen können. «Flickr»[8] ist dagegen komplett web-basiert und wahrscheinlich wird es gerade deswegen diese ehemals kleine Photo-Community sein, die «Yahoo!» im Wettbewerb gegen die allmächtige «Google-Suche» und im Wettstreit um den besten Umgang mit Bildern eine relevante Rolle zukommen lässt.[9]

[10] Homepage von Ludicorp Research & Development Ltd.

[11] Cameron Marlow u.a.: Position Paper, Tagging, Taxonomy, Flickr, April 2006 (PDF)

«Flickr» wurde von einer einer kleinen kanadischen Softwarefirma namens «Ludicorp»[10] entwickelt. Im März 2005 wurden «Flickr» und «Ludicorp» von «Yahoo!» gekauft. Im Mittelpunkt dieser Photo-Community steht der Gedanke des «Social Tagging». Die Mitglieder von «Flickr» weisen dabei ihren veröffentlichten Bildern Schlagworte («tags») zu, ohne dass vorher detaillierte Regeln festgelegt sind. Über diese «tags» sind die Bilder für die anderen Mitglieder such- und adressierbar. Beim «Social Tagging» wird davon ausgegangen, dass sich die Mehrzahl der User auf schlüssige Assoziationen einigen, so dass sich nach einiger Zeit eine von den Nutzern erstelltes Schlagwortsystem ergibt, das einen für Recherchezwecke brauchbaren Kernbestand an Begriffen enthält.[11]

Bei den indexierten Objekten handelt es sich im Zuge des «Web 2.0» nicht nur um Bilder, sondern auch wie im Falle von «del.icio.us» um Lesezeichen oder «myspace.com» um ganze Websites und Musik — oder Blogeinträge generell. Die durch gemeinschaftliches Indexieren erstellten Sammlungen von «Tags» werden als «Folksonomies» bezeichnet. Im Falle der Bilder stellt sich diese Offenheit dem herkömmlichen Katalogisieren als vorteilhaft heraus, da das dem individuellen Gestaltungswillen der Photographen wohl entgegenkommt.

[12] Stefan Heidenreich: Web 2.0 – Was geschieht mit den Bildern?, Blog «Iconic Turn», Dezember 2005

[13] Web 2.0 – Was geschieht mit den Bildern?, ebd.

Nach Stefan Heidenreich zeigt sich besonders am Beispiel der Photo-Community «Flickr», wie sich die «aktive Rolle von textueller hin zur visuellen Information verschiebt».[12] Nach Heidenreich sind es bei «Flickr» und damit auch im Rahmen des «Web 2.0» «nicht mehr Texte, zu denen Bilder gesucht werden, sondern umgekehrt Bilder, zu denen man Texte oder andere Metainformationen findet.»[13]

[14] Web 2.0 – Was geschieht mit den Bildern?, ebd.

Heidenreich führt die im Kern unterschiedlichen Unternehmensstrategien von «Google» (das seit seinem Entstehen das Web automatisiert durchforstet) und «Yahoo!» (das ursprünglich nur einem redaktionell organisierten Index führte und erst seit Kurzem eine eigene selbstständige automatisierte Suche betreibt) an und prognostiziert, dass sich der Unterschied der Strategien von Suchmaschine und Katalog nicht wie im Falle des Textes auflösen wird. Dagegen spricht die «semantische Lücke», die dafür sorgt, dass beim automatischen Erkennen des Bildinhalts «automatische Index-Algorithmen mittelfristig erfolglos bleiben.»[14]


 



 


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