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4_9 Der Fremdkörper Bild im offenen Quelltext
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'Les Horribles Cernettes' on the first image of the web according to a legend.
Nach Silvano de Gennaro, einem ehemaligen Kollegen von Tim Berners-Lee am CERN in Genf (und «Wired») war das Portrait der Band «Les Horribles Cernettes»[1] das erste Bild, das im World Wide Web veröffentlicht wurde. (Man be bachte die bezaubernde Outline!)

[1] Heather McCabe: Grrl Geeks Rock Out, Wired News, 1999

[2] Die Diskussion um den «IMG-Tag» beginnt mit dem von Marc Andreesen geposteten Thread in der Mailinglist «WWW-Talk» 1993 und findet sich in den Archiven des «WWW History Project». Heute liest sich der dokumentierte Dialog mit einem gewissen Schmunzeln — waren damals die Konsequenzen, die dieses Element auslösen würde überhaupt nicht absehbar. Wie man sieht, zeigt sich Tim Berners-Lee damals besorgt, scheinen die vorgeschlagenen Neuerungen dem Leser die Wahlfreiheit über das Aussehen der Seite zu nehmen.

[3] Die Homepage des Web-Browsers «Mosaic»

[4] Tim Berners-Lee: Der Web-Report, München 1999, S. 108

Im Dezember 1992 wurde von Marc Andreessen der «Inline Image Tag» in der Mailinglist «WWW-Talk» vorgeschlagen.[2] Andreessen arbeitet damals als Chef-Entwickler des am National Center for Supercomputing Applications in Illinois entstehenden Web-Browser «Mosaic».[3] Mit dem «Inline Image Tag» konnte der Mosaic-Browser digitale Bilder zusammen mit Text anzeigen und unterschied sich damit nicht nur von anderen damaligen Browsern (die Bilder nicht von anderen Formaten unterschieden und und sie auf Wunsch des Benutzers lokal abspeicherten); diese Auffassung deckte sich auch nicht mit den Vorstellungen von Tim Berners-Lee.[4]

Während der «Vater des World Wide Web» den Standpunkt vertrat, Bilder und andere Dateien sollten lediglich nach einem expliziten Mausklick als Referenz im Browsers angezeigt werden, entschied sich Andreessen letztendlich für eine Darstellung der Bilder «im Text» selbst. Im Februar 1993 wurde von Marc Andreessen der «Inline Image Tag» trotz der Bedenken von Berners-Lee als eine die Welt der «Strukturalisten» erschütternde Neuerung eingeführt.

Die Einführung des Bildes in eine solche Welt des Textes, des Codes und der Struktur wirkte wie eine Erschütterung, da diese minimale Entwicklung die geschlossene Gesellschaft der «Strukturalisten» für eine Nutzung jenseits der wissenschaftlichen Welt öffnete. Diese neuen «Surfer», die jetzt das Web erschlossen, sahen darin neue Möglichkeiten für Information, Unterhaltung und vor allem Selbstdarstellung.

[5] Olia Lialina: «The Vernacular Web», 2005

[6] vgl. hierzu die Arbeit «Superflous Deisgn» von Thomas Baum; ein weiteres schönes Beispiel für die oppulente Verwendung von Bullets ist die Homepage von Wolfgang Elser aus Buenos Aires

Die Netzkünstlerin Olia Lialina weist auf die Einflüsse der frühen Amateure auf die Struktur des Quelltextes hin. «It was a historical feature of the amateur web to prefer expression over structure. Early web makers were inspired by the possibility of using images and gladly substituted dull lists with spectacular graphics.»[5] Und so wurde die einst so saubere Syntax und die Struktur des Quelltextes durch viele Verweise auf (zunächst kleine) Bilder angereichert.[6]

Die Einführung des «Inline Image Tags» in eine Welt der Struktur und der damit ermöglichte persönliche Ausdruck und die damit gewonnene Gestaltungsfreiheit können sicher als Ursache für die plötzlich steigende Popularität des World Wide Web angesehen werden.

[7] Offizielle Überscht über die WWW-Protokolle des World Wide Web Consortiums

[8] Clay Shirky: View Source &hellip: Lessons from the Web's massively parallel development, April 1998

Lawrence Lessig sieht dagegen die Offenheit des Codes als die Hauptursache für die Popularität des World Wide Web in den ersten Jahren an. Dabei darf nach Lessig der Unterschied zwischen dem für den Menschen lesbar gemachten Source-Code und dem nur durch den Rechner «lesbaren» Object-Code nicht vergessen werden. Der sichtbare Text im World Wide Web ist der oberste Teil verschiedener Protokolle und Abstraktionsebenen, die den durch den Menschen lesbaren Code in Computer-Befehle umsetzen.[7] Der für jedermann frei zugängliche und lesbare Quelltext der Web-Seiten ermöglichte es, den frühen Amateuren nicht nur, voneinander zu lernen — auch eine künstliche Semantik und eine scheinbar gleichzeitige «Lesbarkeit» von Mensch und Maschine wurde so möglich.[8]

[9] siehe hierzu: Thou shalt always use an "alt" tag with graphics! sowie die W3C-Spezifikation zum «IMG-Tag»

[10] Aktuelle Empfehlung des World Wide Web Konsortiums, den «Longdesc-Tag» zu verwenden.

Zwar ging der von Marc Andreessen vorgeschlagene Image-Tag nicht konform mit der von Berners-Lee entwickelten HTML-Syntax, wurde doch bereits bei seiner Entstehung die fehlende Semantik des Bildlichen im rein textlich operierenden Web erkannt. Das zeigt das Attribut für einen alternativen Text. Der «Alt-Tag» war besonders in den ersten Jahren des World Wide Web als Platzhalter für aus Gründen der noch langsamen Verbindungen langsam ladende Bilder zu verwenden; auch war er eine Möglichkeit, Bildern im World Wide Web Semantik und Inhalt verleihen zu können.[9] Durch diesen Textanhang wurden die Bilder durch Suchmaschinen erfassbar. Heute zeugt das Attribut für eine lange Beschreibung «longdesc» von der Bedeutung des Bildinhalts, mit dem das W3-Konsortium die Möglichkeit schuf, ganze Bildbeschreibungen in einer separaten Textdatei anzulegen.[10]

Durch die Optimierung auf Geschwindigkeit ist das Bildliche im alphanumerischen Zeichen-Wald des Word Wide Web ein «Fremdkörper» geblieben, der nur über Quelltext referenziert werden und über Texte einen nützlichen pseudo-semantischen Status erreichen kann.

[11] Lawrence Lessig: Code v.2, second revised version, 2005, Kapitel 3

[12] Chris Sherman und Gary Price: The Invisible Web: Finding Hidden Internet Resources Search Engines Can't See, New York 2001

«When graphics entered the Net through the World Wide Web, the blind became «blind« again. […] As the architectures change, definitions of who is ‹disabled› change as well.»[11] Je mehr visuelle Fremdkörper sich in diesem Kontext befanden, desto mehr werden nicht Sehende ausgeschlossen. Blind sind nicht nur nicht-sehende Menschen — ebenfalls blind ist der durch Textoperation vergleichende Computer gegenüber allem, was nicht Text ist. Bilder gehören so zum «Truly Invisible Web»[12] und sind so einerseits sichtbar, andererseits unerkannt.

Diese Differenz veranschaulichen Text enthaltende Pixel-Grafiken, die nicht von Suchmaschinen (oder E-Mail-Adressen sammelnden Spidern) indiziert werden können. Der Text ist dann nur noch für das menschliche Auge sichtbar, für den Computer selbst ist er eine Tabelle voller Pixel, die alles und nichts darstellen könnten.

Schreiben Sie Mails bitte an folgende Adresse:

[13] Bei diesen «Validierungs-Bildern», das «Google» zum Hinzufügen von URLs dient, kann man als Parametern anstelle der Zahl 123 jede beliebige Zahl zwischen 1 bis mehre Millionen eingeben und erhält dann jeweils ein verzerrtes, von Maschinen unlesbares, Wort als Bild.

[14] folgt.

Betreiber von professionellen Web-Seiten machen sich dieses Prinzip ebenfalls zu nutze: soll beispielsweise sichergestellt werden, dass tatsächlich ein Mensch und nicht ein automatisiertes Programm ein Formular abschickt, werden kleine Bildchen eingesetzt, die ein verzerrtes Code-Wort enthalten, das der Nutzer bei der Registrierung in ein Formularfeld abtippen muss. Diese nicht durch die Maschine wohl aber durch den Menschen entzifferbaren Zeichen als Pixel stellen ein Wesen vor dem Rechner sicher, das Zeichen über die maschinelle Vergleichbarkeit hinaus zu verarbeiten vermag. Um ein automatisiertes und damit massenhaftes Hinzufügen von Web-Adressen zu ihrem Index verhindern zu können, benutzen beispielsweise Suchmaschinen wie «Google»[13] und «IMG SRC ORG» diese kleinen Bildchen mit gestauchtem Text.[14]


 



 


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